ARTIKEL: WIR WERDEN ZU DEN GÖTTERN, DIE WIR EINST FÜRCHTETEN

Heute Morgen entdeckte ich im Internet einen Artikel, den ich sehr interessant finde. Geschrieben wurde er von Fanny Jiménez und veröffentlicht am 06.04.2018 auf Welt Wissen:


Irgendwann, sagen Experten, werden Menschen den Körper verlassen und nur als digitales Signal leben.

Ganz in Schwarz und mit spiegelnder Brille sitzt eine Gestalt im Film „Matrix“ im Ohrensessel und streckt seinem Gegenüber zwei Pillen entgegen: eine blaue, eine rote. „Die Matrix ist überall“, sagt der Mann. „Sie ist da, wenn du aus dem Fenster schaust oder den Fernseher einschaltest. Wenn du zur Arbeit gehst oder zur Kirche. Wenn du deine Steuern bezahlst. Es ist die Welt, die Dir vorgegaukelt wird und die Wahrheit ausblendet.“

Wer die blaue Pille nimmt, kann den Mann und die Irritation, die er auslöst, einfach vergessen und weiter sein Leben leben. Wer aber die rote nimmt, erkennt die Wahrheit: dass die Welt, in der er lebt, eine virtuelle Simulation ist. Ein computergenerierter Albtraum, der so perfekt ist, dass man weder sehen noch fühlen kann, dass er nicht real ist.

Die Vision, die der Film im Jahr 1999 zeichnete, war düster. Der Mensch als digitales Signal, seines Körpers beraubt, für immer gefangen auf einer Festplatte. Man gruselte sich bei dem Gedanken, in dieser Matrix zu leben. Aber die Vision schien sehr weit weg. Eine Geschichte eben, Science-Fiction.

Heute, gut 20 Jahre später, sieht das anders aus. Wissenschaftler wie Nick Bostrom, Direktor des Institutes Zukunft der Menschheit an der University of Oxford, sagen: So eine Matrix wird kommen. Es mag noch 300 Jahre dauern, vielleicht 500 – aber dann werden Menschen in einer digitalen Parallelwelt leben. Ein künstliches neuronales Netzwerk wird eine Kopie ihrer Gehirne dort am Laufen halten, unabhängig davon, ob ihr Körper lebt oder nicht. Metaversum nennen Experten wie er diese Welt, und sich selbst Transhumanisten.

MENSCHEN WERDEN FREIWILLIG IHREN KÖRPER OPFERN

Doch es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der digitalen Welt in „Matrix“ und der, die wohl kommen wird. Was dort eine Schreckensvision war, sehen Transhumanisten als gewaltige Chance für die Menschheit. Anders als im Film, glauben sie, wird man Menschen nicht dazu zwingen müssen, ihr Leben in die Parallelwelt zu verlagern. Sie werden es gern tun. Sie werden es sogar lieben.

Sie werden ihren Körper zurücklassen und mit ihm alle Beschränkungen des Menschseins. Denn die Technologie der Zukunft, angetrieben durch künstliche Intelligenz, wird den Menschen von den drei Grundproblemen seiner Existenz befreien. Der existenziellen Sorge um den Lebensunterhalt. Der Unvorhersehbarkeit der Zukunft. Und dem Tod.

Doch von vorn. Im Jahr 2003 ging „Second Life“ online, ein Computerspiel. Als Avatare laufen die Menschen dort durch virtuelle Welten, reden, handeln, tanzen miteinander. Wer sich zum ersten Mal einloggt, durchlebt eine Metamorphose. Er erfindet sich selbst neu: als Mensch, als Drache, als Meerjungfrau. Jeder kann dort sein, was immer er sein möchte. Und dort das Leben leben, das er sich wünscht. 2013, zehn Jahre nach dem Start, hatte „Second Life“ etwa 36 Millionen registrierte Benutzer.

Philip Rosedale ist der Erfinder des Spiels. Schon immer, sagt er, haben Menschen es geliebt, in andere Welten einzutauchen. In Geschichten, die am Feuer erzählt werden oder in der TV-Serie am Abend, in Rollenspielen, die einen in andere Identitäten schlüpfen lassen.

Es gebe einen guten Grund dafür, sich so bereitwillig auf simulierte Welten einzulassen: Es ermöglicht, die Grenzen dessen auszuloten, was in der Fantasie möglich ist. Alle archetypischen Geschichten der Menschheit und all deren Charaktere finden sich in „Second Life“, sagt Rosedale. Menschen seien dort freier. Mehr sie selbst.


PROTOTYP DER DIGITALEN PARALLELWELT

In seiner Firma in San Francisco programmiert Rosedales Team gerade den Nachfolger des Spiels: „Sansar“. Es kombiniert die Welt von „Second Life“ mit einem Virtual-Reality-Headset, das den Menschen direkt in das Spiel katapultiert. Statt auf eine Maus zu klicken oder auf der Tastatur zu tippen, kann der Spieler sich frei im Raum bewegen – das Headset überträgt die Bewegungen direkt ins Spiel. „Sansar“, sagen Experten, ist der Prototyp des Metaversums.

Das Headset wird bald ersetzt werden können durch eine programmierbare Kontaktlinse – und noch später wird das Signal direkt in das Nervensystem geschossen. Über einen winzigen Chip im Hirn, der einen Sinn nach dem anderen austrickst und die simulierte Welt so sinnlich erfahrbar macht.

Die Firma Neuralink, 2016 gegründet von Futurist Elon Musk, arbeitet schon heute an solchen Brain-Computer-Interfaces: Geräten, die die Kommunikation zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern ermöglichen. Dass das menschliche Gehirn der Illusion trauen würde, daran gibt es keinen Zweifel. Wer schon einmal in einem 5-D-Kino war, weiß, wie leicht es sich überzeugen lässt.

Ruckelige Stühle, ein bisschen Wind im Gesicht – und schon glaubt man, selbst in der Achterbahn zu sitzen, die man auf einem Bildschirm sieht. Man fühlt die Höhe, das Anrollen, das Hinunterrasen, es kribbelt im Bauch. Das Gehirn füllt bereitwillig alle Lücken in der Wahrnehmung auf, um ein stimmiges Gesamtbild zu schaffen, belegen Studien.

Und auch darüber, ob die Kapazität von Rechnern für komplexe virtuellen Welten ausreicht, solle man sich nicht den Kopf zerbrechen, sagen Experten: Quantencomputer werden in der Zukunft Speicherplatz und Rechenkapazitäten unvorstellbaren Ausmaßes ermöglichen.

DER MENSCH WIRD ALLMÄCHTIG - UND UNSTERBLICH

Die simulierte Welt des Metaversums ist deshalb nur der nächste logische Schritt, die Sehnsucht des Menschen nach alternativen Welten zu erfüllen, sagt Rosedale. Es könnte wohl auch der letzte sein. Anfangs werden Menschen nur zum Spaß in das Metaversum eintauchen, glauben Transhumanisten. So wie man es heute mit Computerspielen tut. Aber nach und nach werden sie sich fragen: Will ich das wirklich, zurück an meinen Bürotisch? Wenn ich hier jeden Tag ein neues Abenteuer schaffen, ein neues Leben leben kann?

Wer im Metaversum arbeiten will, kann das – muss es aber nicht. Ohne Sorge um das eigene Auskommen könnte man tun, wonach einem der Sinn steht, frei von Zwängen. Und das Leben wäre nicht nur leichter und selbstgestalteter, es wäre auch vorhersehbarer. Ein Unfall macht Pläne zunichte? Einfach rebooten, und von vorn beginnen.

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