BDSM & FEMINISMUS: WARUM SICH DAS NICHT AUSSCHLIESST (Verfasserin kleinergast)

Ich bezeichne mich als Feministin und bin BDSMlerin.

Das mag im ersten Moment einen Widerspruch darstellen, im zweiten schon nicht mehr so sehr. Ich schreibe diesen Text, weil es umstritten ist, dass Frau sich als Feministin für BDSM begeistert. Als Hauptargument dagegen wird angeführt, dass BDSM die Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen sei und so Feminismus widerspreche.

Ich möchte versuchen, euch zu erklären, wie die Szene mit diesem Konflikt umgeht und warum ich trotzdem der Meinung bin, dass es keinen Widerspruch darstellt, Feministin zu sein und BDSM zu praktizieren. Ich möchte euch erklären, was BDSM für mich ist.

WAS BEDEUTET BDSM?

BDSM steht für Bondage & Discipline (Disziplin & Fesselung) Dominance & Submission (Dominanz & Submissivität) Sadism & Masochism (Sadismus & Masochismus). Bondage ist die häufig sehr kunstvoll ausgeführte Spielart, Menschen unbeweglich zu machen. Discipline ist Gehorsam im weiteren Sinne. Dominance und Submission sind quasi Herrschaft und Unterwerfung. Hier kommt auch “Domina*us” und “Sub” als Bezeichnung von Herrschender*m und sich Unterwerfende*m her. Um das zu verdeutlichen, wird Domina*us häufig groß geschrieben, sub hingegen klein.

Sadismus und Masochismus stehen für die Lust daran, Schmerzen zuzufügen beziehungsweise zu empfangen. Dabei ist es in der Regel nicht erregend, sich aus Versehen zu stoßen, denn eine Tür oder einen Schrank erotisiere ich nicht. Außerdem spreche ich bei BDSM ausdrücklich nur über einvernehmliches Handeln. Alles andere ist strafrechtlich relevante Gewalt.

In der Szene gibt es fast kein binäres “Ich bin Sub” und “Du bist Dom” (die Kurzform von Domina*us). In der Regel tendieren Menschen zu einer Seite, das heißt, sie sind entweder subbig oder dommig. Es gibt aber auch alles dazwischen. Das sind die so genannten Switcher*innen – also Wechsler*innen – jemand, der*die sowohl anteilig Dom als auch Sub ist, wobei die Gewichtung der Anteile sehr unterschiedlich und auch schwankend sein kann.

Für mich ist die Rolle, die ich einnehme, davon abhängig, wer mein Gegenüber ist. Menschen, die mit dem selben Gegenüber beide Rollen einnehmen können und sich so beim Spielen abwechseln könnten, habe ich bisher selten getroffen.

BDSM zu praktizieren wird in der Szene als “spielen” bezeichnet. Diese Bezeichnung ist aber auch umstritten, denn es gibt viele Arten, BDSM auszuleben. Was die einen nur im Bett ausleben, reicht für andere tiefer in den Alltag, weswegen sie den Begriff “spielen” als zu banal ansehen.

Wie BDSM ausgelebt wird, variiert von “nur im Kopf” bis hin zu einem 24 Stunden / sieben Tage die Woche gespielten Machtgefälle. Genauso verhält es sich mit enthaltenem oder nicht enthaltenem Sex: Manche spielen nie ohne ihn, manche ausschließlich ohne und auch dazwischen ist alles möglich. Grundsätzlich gibt es beim BDSM alle möglichen Variationen. Wenn ihr euch also gerade fragt: “Gibt es…?”, dann ist die Antwort definitiv “Ja”. Ihr seid auch nicht die einzigen, die gerade in diese Richtung gedacht haben, wette ich.

WAS IST DIESES “SPIELEN”?

Wenn ich spiele, wird viel darüber geredet was ich und meine Spielpartner*innen wollen und denken. Wir sprechen darüber, was uns Lust verschafft, was gar nicht geht. Das umfasst sowohl Wörter, die nicht fallen sollen, als auch Taten und Szenen. Wir reden darüber, wie es uns gerade geht. Wichtige Fragen dabei: Haben wir ausreichend getrunken und geschlafen? Haben wir irgendwelche Schmerzen, Einschränkungen, Probleme, Stress etc.? Geht es uns gerade körperlich und mental gut? Welche gegenseitigen Erwartungen gibt es? Ganz wichtig ist in diesem Moment, dass wir ein Safeword vereinbaren. Meines ist häufig “Tannenbaum”, weil es ein Wort ist, was im Kontext des Spielens eher nicht benutzt wird.

Wird das Safeword ausgesprochen oder ersatzweise eine ausgemachte Geste oder Handlung (z.B. das Fallenlassen eines Gegenstandes, eine Schelle z.B. eignet sich gut, aber eigentlich ist alles gut, was sicher machbar ist in der Situation) gemacht, ist das Spiel sofort ohne Nachfragen, Vorwürfe, Rechtfertigung oder Verzögerung zu Ende. Es gibt noch diverse andere Möglichkeiten “außerhalb des Spiels” und abgesehen vom Safeword miteinander zu kommunizieren. Möglich ist zum Beispiel einen Farbcode von Worten zu verwenden: Grün – alles ist super, ich fühle mich wohl, Gelb – ich halte es aus, aber es ist nah an meiner Grenze, Rot – meine Grenze ist erreicht, mach bitte etwas Pause oder fahre die Intensität runter.

Das Safeword ist sowohl von Doms als auch Subs benutzbar, der Farbcode auch. Ich finde den Farbcode deswegen so praktisch, weil es mit ihm nur ganz kurze Momente sind, in denen ich aus dem Spiel heraus muss und dieses dadurch nicht signifikant gestört oder unterbrochen wird.

Der Konsens innerhalb der Szene ist, dass “ssc” gespielt wird, also safe-sane-consensual, was soviel heißt wie sicherheitsbewusst-mit gesundem Menschenverstand-einvernehmlich.
Wie und wo ein Spiel anfängt, ist ganz unterschiedlich. Ich war schon auf Play Parties, wo Menschen sich häufig in extra dafür hergerichteten Räumen treffen, um vor allen oder einigen anderen miteinander zu spielen, aber auch, um Gleichgesinnte zu treffen, sich auszutauschen, Sex zu haben und sich “normal” zu fühlen. Außerdem habe ich bei einem SM-LARP mitgemacht (also ein Live Rollenspiel, auf dem auch gespielt werden darf), war zu Hause im Bett und an vielen anderen Orten.

Wichtig ist, möglichst so zu spielen, dass keine Unbeteiligten Zeug*innen werden, denn sonst kann es es zu Missverständnissen kommen, die in ungewollten Polizeieinsätzen und im schlimmsten Fall zu (Re-)Traumatisierung von Menschen führen, die mit dem Spiel nichts zu tun haben.

Um das Spielen ausschließlich zwischen den Beteiligten und “nach außen” subtil zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Ich traf nach einiger Zeit des gemeinsamen Spiels mit einer Spielpartnerin die Vereinbarung, dass sie, wenn sie als Sub Lust darauf hat, in ein Machtgefälle zu gehen, den Ring der O trägt – ein Erkennungszeichen für Eingeweihte. Das hat es ihr ermöglicht, mir ihre Wünsche zu signalisieren, ohne mich unter Druck zu setzen und ohne mir die Macht über die Situation zu nehmen. Ich konnte also ein konsensuales Machtgefälle aufbauen oder auch nicht. Ich konnte entscheiden, ob ich sie gerade als meine Sub wollte und ob ich wollte, dass sie dient, frei nach dem Motto: “Eine Masochistin bittet eine Sadistin: ‘Bitte schlag’ mich’, die Sadistin antwortet: ‘Nein’ und lächelt fies.”

Mit einem Top (ein anderes Wort für Dom) hatte ich die Absprache, dass ich immer bitten muss, wenn ich rauchen möchte. Innerhalb der geschützten Wohnung war das auf die Knie gehen, die Arme hinter den Rücken nehmen und mit gesenktem Kopf bitten. Außerhalb der Wohnung war es nur ein Blick, bei dem ich die Arme hinter dem Rücken hatte. Eine Geste, die außer uns niemand mitbekommen hat. Die Vielfalt der Möglichkeiten, zu spielen, ohne dass jemand das Machtgefälle bemerkt, sind enorm. Und die Varianten, BDSM auszuleben, sind weit mehr als schlagen und geschlagen werden.

Eine Situation auf einem SM-LARP hat mich besonders stark geprägt. Ich war noch relativ neu in der BDSM-Szene, so 19 ungefähr und das erste Mal auf dieser Art von Veranstaltung. Innerhalb der im Rollenspiel erzählten Geschichte geriet ich in Gefangenschaft. Außerhalb der Geschichte und außerhalb meiner Rolle im Spiel wurde mir die Frage gestellt: “Folter ausspielen oder nicht?”. Ich war neugierig, kannte einen der Beteiligten und vertraute ihm, also stimmte ich zu. Was folgte, war fast gar kein körperlicher Schmerz, sondern fast nur MindFuck, nur um das “was würde passieren, wenn”. Wir waren ca. vier Stunden im Folterkeller, aber es kam mir vor wie zehn Minuten.

Meistens habe ich auch während des Spiels die “Welt draußen”, die Probleme und fast den gesamten Alltag im Kopf – das war auch bei diesem Spiel so. Meine Partner*innen schafften es aber, dass ich mich in diesem Moment fallen lassen konnte. Ich war nur noch diese Drow (eine Dunkelelfe), die gefangen genommen worden war und die Fragen, die ihr gestellt wurde, nicht beantworten konnte. Das wussten meine Spielpartner*innen aber nicht, was es mir leicht machte, der “Folter” nicht nachzugeben. Hätte ich die Antwort auf ihre Fragen gehabt, hätte ich sie ihnen gesagt.

Das Besondere an dieser Situation war sicherlich, dass ich durch den Rollenspiel-Kontext ohnehin sehr in die Figur eingetaucht war, die ich spielte, und so ihre Handlungen von meiner Person fern halten konnte. Was passierte, betraf die Figur, die ich spielte und konnte keinen Konflikt mit meinen Ansichten im Alltag auslösen. Diese vollkommene Abschottung des Geschehens von mir gelang mit zum großen Teil auch wegen meiner großartigen Spielpartner*innen.

WIE ES ZUM KNIRSCHEN KAM

Im Laufe der letzten sieben Jahre bin ich politischer und feministischer geworden, auch wenn ich nie wirklich unpolitisch war. Meine Mutter hat mich und meine Geschwister alleine erzogen, sie hat gearbeitet, war politisch aktiv und hat immer versucht, uns zu möglichst reflektierten Menschen zu machen. Ich habe in meiner Schulzeit selten erlebt, dass ich persönlich aufgrund meines Geschlechts diskriminiert wurde. Wenn es passierte, habe ich es häufig nicht wahrgenommen oder verdrängt. So richtig bewusst geworden ist mir das erst während meines Studiums.

2012 landete ich bei der Orga eines Christopher Street Days, wo ich mit zwei großartigen Menschen etwas auf die Beine stellte. Innerhalb der Themenwoche zum Tag gab es einen Workshop zum Thema “BDSM und Feminismus”. Dort wurde das Knirschen, das ich im Laufe der Jahre seit meinem oben beschriebenen Erlebnis immer mal wieder gespürt hatte, in Worte gefasst. Das erste Mal erfuhr ich, dass sich außer mir noch andere Menschen Gedanken darüber machen, dass BDSM Rollenbilder reproduziert, Feminismus und BDSM mitunter nicht vereinbar scheinen und dass beides trotzdem nicht konträr sein muss. Das war großartig.

Mit Knirschen meine ich, dass mein Kopf irgendwann anfing daran zu zweifeln, ob es richtig ist, geschlagen werden zu wollen. Dienen. Knien. Schlagen. Über jemandem stehen. Macht. Ohnmacht. Die Vorstellung, ein anderes Leben zu bestimmen oder selbst fremdbestimmt zu sein, widerspricht dem, was ich für mich und andere Menschen möchte. Vor niemandem möchte ich im “echten” Leben knien und niemanden möchte ich im “echten Leben” verletzen. Trotzdem hat es sich immer noch richtig und gut angefühlt, das im Spiel zu tun. Die Hingabe anderer zu spüren, sich selbst hinzugeben, Schmerz und Lust, das alles fühlte sich einfach gut an.

Dieser Zustand in meinem Kopf fühlt sich eben an wie Knirschen – wie Sand zwischen Zahnrädern.

Mein innerer Konflikt dazu wurde immer ausgeprägter, fast noch ausgeprägter als der Konflikt BDSM vs. Kindererziehung, der unter dem Schlagwort “Ich kann doch niemanden schlagen, das macht man doch nicht” abläuft.

Den Konflikt zwischen meinem Selbstbild als emanzipierter Frau und dem Verlangen danach, zu dienen und zu gehorchen, hatte ich schon vorher einmal. Damals stieß ich auf der Suche nach Infos auf die SMJG, die BDSM Jugend (ein gemeinnütziger Verein, der aufklären und Menschen bis 27 eine Anlaufstelle bieten möchte). Zu wissen, dass ich nicht alleine bin, beruhigte mich. Inzwischen bin ich der Meinung, dass der Gedanke, dass es mir nicht alleine so geht, nicht das einzige Argument dafür sein kann, warum das, was ich empfinde, in Ordnung ist.

Heute sehe ich es so:

BDSM basiert darauf, freiwillig Macht abzugeben und anzunehmen. Es wird ein widerrufbares Ungleichgewicht geschaffen. Eine Seite hat mehr Macht als die andere, aber auch mehr Verantwortung. Das ist ein Part des BDSM, den ich nicht missen möchte. Sich fallen lassen dürfen, nicht entscheiden müssen auf der einen Seite und auf der anderen Seite auffangen, entscheiden, führen, sorgen. Für eine*n Sub bedeutet das, zeit- und stückweise Verantwortung abzugeben und für den*die Dom, die zugestandene Verantwortung zu übernehmen. Für beide beinhaltet es, Vertrauen, Selbstwahrnehmung und eigene und fremde Grenzen zu erkennen, kennenzulernen, zu kommunizieren und zu achten.

UND TROTZDEM BLEIBT EIN ZWEIFEL
Für mich dreht sich alles um das “freiwillig”, wobei auch das schwierig sein kann. Wie frei kann ich tatsächlich entscheiden, wenn ich emotional abhängig bin? Wie frei ist die Entscheidung, wenn ich etwas mache, weil ich denke, ein*e Sub, ein*e Domina*us müsse das so machen und aushalten? Und wie frei bin ich tatsächlich von (Szene-)Konventionen? Was mache ich, wenn Menschen vorgeben sich klar zu machen, was da auch an Rollenreproduktion passiert, aber eigentlich das alles nur sagen, damit sie Menschen tatsächlich abhängig machen und ausnutzen können? Ist BDSM nicht auch Reproduktion der herrschenden Verhältnisse? Bestätige ich gesellschaftliche Machtstrukturen nicht doch, auch wenn ich noch so reflektiert mit ihnen umgehe? Was ist mit anderen Beziehungskostellationen als Dom=männlich und Sub=weiblich, ist das dann vollumfänglich in Ordnung, weil es das Patriachat nicht wiederspiegelt? Und was ist mit der Verantwortung für die Menschen, die ich aus Versehen involviere, weil sie Dinge mitbekommen, die sie nie wissen wollten? Was ist mit nach außen getragenen Symbolen, dem Halsband zum Beispiel?

Das alles macht das Knirschen für mich aus. Dazu kommt ganz viel Nachdenken, Reflektieren, Zweifeln. Zusammengefasst lässt es sich so ausdrücken:
Das Spielen fühlt sich richtig an, aber von außen betrachtet sieht es komisch aus.

Konsequenz für mich: Ich darf Unbeteiligte niemals hineinziehen, denn die Botschaft, die manche Bilder des BDSM transportieren, kann fatal sein. Wenn ich mir ansehe, wie eine junge Frau auf Knien von einem möglicherweise älteren, stehenden Mann geschlagen und gedemütigt wird, ist nach außen unklar, dass dieses Machtgefälle nicht permanent besteht sowie freiwillig und absichtlich gewählt ist.

Und da geht es schon weiter: Kann ich, wenn ich “da draußen” bin mein Halsband tragen?

WIE ICH DEM KNIRSCHEN ENTGEGENTRETE: DIE INNENSICHT

Ich begegne einem*r Partner*in auf Augenhöhe, um dann bewusst Macht abgeben oder annehmen zu können. Wenn der vorherige Gleichstand in Sachen Macht nicht vorhanden ist, kann ich gar nicht erst anfangen zu spielen. Das ist mein Punkt. Es gibt auch andere Konstellationen, aber ich kann nur so spielen. Ich gehe also immer sehr bewusst zusammen mit meiner*m Spielpartner*in in Spielsituationen und versuche durch Reden und “Vor- und Nachsorge” (in den Arm nehmen, noch mehr reden, gemeinsam reflektieren etc.) [körperliche Nachsorge (Achtung, teilweise sehr explizite Benennung von Praktiken), emotionale Nachsorge] nach dem Spiel immer wieder den Gleichstand herzustellen, auch um der Gefahr entgegen zu wirken, dass sich im Alltag ein Ungleichgewicht “einschleicht”.
Tatsächlich ist das Spiel vom “echten Leben” in meinem Fall weit entfernt. Selbst wenn jemand, der*die selbst in der Szene ist, außerhalb eines Spiels auf die Idee kommen würde, mich wie im Spiel zu behandeln, wäre diese Person die längste Zeit mein*e Spielpartner*in gewesen und ich würde sie nicht mehr in meinem Leben dulden.

Für mich hat das bewusste Spiel mit Hierarchie und Machtgefälle etwas, das mir Macht gibt. Ich fühle mich empowert und stark, wenn ich freiwillig geschlagen werde und wenn ich freiwillig gefesselt bin. Ich fühle mich frei. Ich weiß, dass ich das Spiel jederzeit beenden kann, auf die “echte” Ebene zurück kann, ganz egal auf welcher Seite der Macht ich mich befinde. Nicht zu vergessen: Es befriedigt meine Lust. BDSM bedeutet, mir zu holen, was ich möchte. Als Sub, als Dom, als Switcher*in.
Das ist die Innensicht.

AUSSENHERUM

BDSM ist Teil der Realität, in der wir uns alle bewegen. Zu sagen, es würde in einer anderen Welt stattfinden, wäre Quatsch. Menschen betreiben BDSM teilweise im Verborgenen, teilweise so, dass zumindest die unmittelbaren Bezugspersonen davon wissen, und teilweise auch sehr öffentlich. Als Teil dieser Gesellschaft hat auch die „Szene“ mit allen Problemen zu kämpfen, die die „echte” Gesellschaft hat: Sexismus, patriarchale Strukturen und überhaupt alles, was wir daran kritisieren.

Ein gif, mit abwechelnd in unterschiedlichen Farben blinkendem Hintergrund aus Glitzer, auf dem in schwarzer Handschrift "smash the patriarchy" steht. Die Schrift wackelt und tanzt.
Die Strukturen und Sicherungsmechanismen (Safeword etc.) innerhalb der Szene sind je nach Gruppe, in der mensch sich bewegt, unterschiedlich ausgeprägt. Die Awareness im Bezug auf Machtstrukturen ist ebenso unterschiedlich. Ich kenne Gruppen und Stammtische innerhalb der Szene, z.B. die SMJG, die überall zumindest versuchen, sensibel zu sein.
Sie versuchen, dort, wo Machtstrukturen gefährlich oder auch ungewollt sind, aufzuklären und bei Bedarf einzugreifen. Andere Stammtische thematisieren die Gefahr von Machtstrukturen, während es gleichzeitig Treffen gibt, auf denen typische “Macker” mit keiner Frau reden, weil diese “doch eh alle Subs sind und nicht wert, dass mit ihnen geredet wird” – was so daneben wie hier milde wiedergegeben ist.

Gut an der Szene finde ich, dass Schutzmechanismen vorhanden sind, beispielsweise, was Safewords angeht. Andere Lebensbereiche bedienen sich ähnlicher Mittel, beispielsweise wenn ich im privaten Gespräch bitte, das Thema zu wechseln. Das ist schön, nützt aber weniger als das Safeword. Ein Safeword bringt mich nicht in die Situation, eine Bitte stellen zu müssen. Manchmal wünsche ich mir diese Kultur, ohne Diskussion eine Situation ändern / beenden zu können, auch außerhalb der Szene. Gleichzeitig weiß ich: Ein Safeword oder auch der Farbcode ist eine Variante von Schutz, die nur funktioniert, solange Menschen sich ihrer selbst in dem Moment bewusst sind und auch wissen, dass es ihnen in dem Moment zu viel ist und natürlich auch von allen Beteiligten geachtet wird.

Wie viel über das Knirschen nachgedacht wird, hängt davon ab, wo innerhalb der Szene mensch sich bewegt, ähnlich dem, wo innerhalb der Gesellschaft mensch sich bewegt.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Spielpartner*innen und ich immer sehr viel darüber geredet haben, was wir empfinden, wer wir sind, was bestimmte Situationen in uns auslösen. Gerade wenn ein Spiel schief geht, rede ich danach sehr viel, versuche herauszufinden, warum ich oder mein*e Spielpartner*in in diesem Moment “abgestürzt” ist, was Auslöser war, was ich dafür tun kann, dass das nicht noch einmal passiert. Auch wenn das Safeword benutzt wurde, spreche ich mit zeitlichem Abstand und wenn der*die Betroffene das möchte, darüber. Ich versuche (und erlebe es in meinem Umfeld auch so), mich aus Schutz für mich und für meine*n Spielpartner*in selbst gut kennenzulernen. Ich kann sagen, was ich möchte, was mir gut tut und wo meine Grenzen sind. Wenn mir das nicht bewusst wäre, würde ich kein BDSM praktizieren. Ich habe gelernt, das auch zu sagen. Reden ist, was Sex angeht, für mich dadurch normal geworden.

Im Bereich des BDSM, in dem es um Kontrollieren / Herrschen und Unterordnen / Dienen geht (D/S), sehe ich die Gefahr, dass sich Machtunterschiede unbewusst weiter einschleichen, als sie ohnehin schon durch Privilegien vorhanden sind. Durch ständiges bewusstes Einüben im Spiel können unbewusste Verhaltensweisen normalisiert werden. Das lässt sich positiv nutzen, zum Beispiel, wenn mensch mit machtvollen Frauenfiguren spielt und dabei so selbstverständlich wird, dass Frauen Macht innehaben können und Männer die Unterlegenen sein können.

Ich sprach bereits vom Bild der knienden jungen Frau und dem stehenden älteren Mann. Was, wenn dieses Bild mein Kink ist, ich aber außerhalb einer Session niemals so knien möchte, sondern das dargestellte patriarchale Bild ablehne? Ich sehe die Gefahr, dass ich diese Struktur reproduziere. Hier ist es dringend notwendig, noch viel mehr Aufklärung über Machtstrukturen und Reproduktionmechanismen sowie Selbstreflektion innerhalb der Szene und der ganzen Gesellschaft zu betreiben, denn die Gefahr Stereotype zu reproduzieren, ist enorm. Dieses Zitat von Min beschreibt das ganz gut:

BDSM spielt mit den Herrschaftsverhältnissen und reproduziert sie zwar, allerdings in einem Rahmen, welcher, nach vollkommen eigenen Regeln und Grenzen die Möglichkeit gibt, Verhältnisse zu brechen, auszuleben und umzukehren.“

Was mir persönlich sehr geholfen hat, ist, dass es sehr viele Spielarten von sexuellen Reizen in der Szene gibt. Viele Menschen dort wissen, dass meine Kinks einzigartig sein können. Ich stehe nun mal nicht auf Wollklamotten, sondern finde Leder besser. Spiele mit Knebeln sind so gar nicht meins, während mein*e Partner*in da vielleicht total drauf steht. Ich habe innerhalb der Szene viele Menschen getroffen, die ihre jeweils individuellen Beziehungsmodelle leben. Die Bereitschaft, jeder*m die Freiheit zu geben, sich mit jeder*m, die*der dazu bereit ist, auszuleben, ist groß, da fast alle das Gefühl kennen, Dinge zu wollen, die irgendwie anders sind.

Ich habe mehr als einen Menschen, den*die ich küsse, der*die mit mir BDSM praktiziert und bei der*dem ich mich fallen lasse. Dieses Beziehungskonzept ist es auch, das es mir ermöglicht, jede Fantasie, die ich umsetzen möchte, mit einer Person, die den Gegenpart als Kink hat, auszuleben. Ich kann Domina, Herrscherin, Dienerin, Sadistin, Masochistin, Königin, Verbrecherin, Sünderin, Generalin, Verliesaufseherin sein. Eben alles, was ich möchte.

Mich empowert BDSM.
Dieser Artikel wurde bereits am 25 April 2014 Anonym eingereicht, aber dennoch, er ist und bleibt gut geschrieben.
Quelle

Kommentare

  1. Besser hätte man das nicht zusammenfassen und ausdrücken können, ich hoffe das viele dieser Beitrag erreicht, damit sie ein besseres Verständnis haben. Danke für die Veröffentlichung, Su

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